Ann Faradays Dream Game: Praktische Traumarbeit für alle
Von Ruya EditorialMittwoch, 9. September 2026Lesezeit: 9 Min.

Ann Faradays Dream Game: Praktische Traumarbeit für alle

Vor den 1970er-Jahren musste man sich auf eine Couch legen, einen Psychoanalytiker aufsuchen und über Jahre hinweg Sitzungen besuchen, wenn man seine Träume ernsthaft deuten lassen wollte. Ann Faradays große Leistung bestand darin, die Traumarbeit den Träumenden selbst anzuvertrauen. Die britische Psychologin mit fundierter Forschungserfahrung und Ausbildungen in verschiedenen psychologischen Schulen schrieb mit Dream Power und The Dream Game zwei der einflussreichsten Traumbücher für ein breites Publikum. Ihre Botschaft war ebenso einfach wie revolutionär: Deine Träume handeln von deinem Leben, du kannst sie selbst verstehen, und ihre Deutung sollte bis zum nächsten Frühstück einen Unterschied machen. Ein halbes Jahrhundert später bauen fast alle traumtagebuch- und träumerorientierten Ansätze der Traumarbeit, auch der dieser Plattform, in gewisser Weise auf ihrem Vermächtnis auf.

Wer war Ann Faraday?

Faraday promovierte am University College London mit einer experimentellen Studie über Träume. Sie arbeitete im Schlaflabor mit Elektroden und REM-Weckungen - zu einer Zeit, in der nur wenige Forschende und noch weniger Frauen diese Möglichkeit erhielten. Außergewöhnlich war vor allem ihr weiterer Weg: Statt sich einer einzigen Denkschule anzuschließen, ließ sie sich in mehreren Richtungen ausbilden - in der Freudschen und Jungschen Analyse, in Hypnotherapie sowie in der Gestalttherapie nach Fritz Perls. So wurde sie zu einer der prägenden Stimmen der humanistischen Psychologie in Großbritannien. Als Dream Power 1972 erschien, verband das Buch wissenschaftliche Erkenntnisse ohne Fachjargon, stellte unterschiedliche Theorien einander gegenüber und führte jedes Kapitel auf dieselbe praktische Frage zurück: Was kann ein ganz normaler Mensch mit dem Traum der vergangenen Nacht anfangen? 1974 folgte The Dream Game als praktische Anleitung. Beide Bücher verkauften sich millionenfach.

Ein Traum, der nicht gedeutet wird, ist wie ein Brief, der ungelesen bleibt.

The Talmud, Berakhot; a saying the dream-work movement Faraday led took as its motto

Die drei Deutungsebenen: Nach außen schauen, im Spiegel sehen, nach innen schauen

Faradays hilfreichste Methode ist eine klare Reihenfolge bei der Traumdeutung. Während Freud nach verborgenen Wünschen suchte und Jung nach tiefen Archetypen, bestand Faraday darauf, zunächst das Offensichtliche zu prüfen und erst dann tiefer zu graben, wenn sich dort nichts ergibt. Ein Traum sollte ihrer Ansicht nach immer nacheinander auf drei Ebenen betrachtet werden:

Faradays drei Deutungsebenen eines Traums
DeutungDie entscheidende FrageBeispiel
1. Nach außen schauenBezieht sich dieser Traum ganz konkret auf mein äußeres Leben?Du träumst, dass die Bremsen versagen: Bevor du nach Symbolen suchst, überprüfe zuerst das Auto. Unser Gehirn bemerkt tagsüber Dinge, die es uns manchmal erst nachts mitteilt.
2. Im Spiegel sehenWelche meiner Einstellungen oder Urteile spiegelt dieser Traum wider?Eine Freundin wirkt kühl und distanziert: Zeigt der Traum ihr Verhalten - oder deine eigene jüngste Kälte, die du dir bisher nicht eingestanden hast?
3. Nach innen schauenWelche Anteile von mir selbst verkörpern diese Traumfiguren?Ihr Erbe aus der Gestalttherapie: Sprich als Traumelement in der Ich-Form und gib dem verdrängten Persönlichkeitsanteil eine Stimme.

Genau diese Reihenfolge ist entscheidend. Faraday hatte erlebt, wie Vertreter unterschiedlichster Schulen sofort zu ihren bevorzugten Tiefendeutungen griffen, obwohl ein Traum vielleicht einfach darauf hinwies, dass die Dachrinne undicht ist oder man am Dienstag jemanden verletzt hat. Ihre Regel schützt davor, auf der falschen Ebene kluge Interpretationen zu entwickeln. Gleichzeitig macht sie Traumlexika weitgehend überflüssig: Dasselbe Traumbild kann für unterschiedliche Menschen und an unterschiedlichen Tagen völlig Verschiedenes bedeuten. Kein Traumlexikon mit festen Symbolbedeutungen wird der Wirklichkeit eines lebendigen Traumlebens gerecht.

So funktioniert das Dream Game

Für Faradays Methode braucht es nicht mehr als ein Notizbuch, Ehrlichkeit und ein paar Minuten Zeit. Der Ablauf sieht so aus:

  1. Schreibe den Traum sofort auf, bevor du dich groß bewegst oder mit jemandem sprichst. Die Erinnerung verblasst oft innerhalb weniger Minuten. Lege dein Notizbuch oder Aufnahmegerät griffbereit neben das Bett.
  2. Notiere auch den Tag: Was ist passiert? Worüber hast du dir Sorgen gemacht? Wen hast du getroffen? Faraday stellte fest, dass sich die meisten Träume auf die vergangenen ein bis zwei Tage beziehen.
  3. Beginne mit der Deutung nach außen. Gibt es eine wörtliche oder praktische Botschaft? Ein gesundheitliches Problem, eine Gefahr, einen Termin oder jemanden, der Aufmerksamkeit braucht?
  4. Danach kommt der Spiegel. Wo könnte dir der Traum deine eigenen jüngsten Einstellungen oder Verhaltensweisen spiegeln - besonders die weniger schmeichelhaften?
  5. Anschließend schaust du nach innen. Gib dem ungewöhnlichsten Traumelement eine Stimme: Sprich oder schreibe aus seiner Perspektive in der Ich-Form und finde heraus, was es dir sagen möchte.
  6. Beende die Deutung mit einer konkreten Handlung. Faradays Dream Game wird erst im Wachleben gewonnen: Lass die Bremsen prüfen, ruf die Person an, lass den Groll los oder ändere eine Gewohnheit. Eine Traumdeutung, die nichts verändert, ist noch nicht abgeschlossen.
Festhalten, erkennen, in Beziehung setzen, handeln: der praktische Kreislauf der Traumarbeit
Der von Faraday bekannt gemachte, traumzentrierte Kreislauf: Traum festhalten, die passende Ebene erkennen, mit dem eigenen Leben verknüpfen und danach handeln.
Was möchte dir dein Traum sagen?

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Von der Couch an den Küchentisch: Ihr Vermächtnis

Faradays Bücher bewirkten für die Traumarbeit das, was Kochbücher für das Kochen bewirkten: Sie beendeten das Monopol der Fachleute. Traumgruppen der 1970er- und 1980er-Jahre, das Traumtagebuch am Bett als alltägliche Gewohnheit und die heute selbstverständliche Annahme - auch in dieser App und in diesem Artikel -, dass die träumende Person die letzte Instanz für die Deutung ihres Traums ist: All das geht auf ihren Einfluss zurück. Dank ihrer Ausbildung in der Laborforschung blieb die Bewegung wissenschaftlich geerdet. Sie gehörte zu den ersten populären Autorinnen, die darauf bestanden, Traumforschung und Traumdeutung gemeinsam zu betrachten. Ihre Ablehnung fester Symbolbedeutungen nahm zudem vorweg, wohin sich die Wissenschaft Jahrzehnte später entwickelte. Wenn eine Lehrerin daran gemessen wird, dass ihre einst revolutionären Ideen heute wie gesunder Menschenverstand klingen, dann hat Faraday diesen Maßstab vollständig erfüllt.

Das Dream Game mit einem modernen Traumtagebuch spielen

Alles, worum Faraday ihre Leserinnen und Leser bat - Träume sofort festhalten, den Tageskontext direkt daneben notieren und Muster über Wochen hinweg erkennen -, ist genau das, wofür Ruyas Traumtagebuch entwickelt wurde: Halte deine Träume direkt nach dem Aufwachen per Sprache oder Text fest, zusammen mit deinem Tagebuch und wichtigen Ereignissen aus deinem Leben. Die Zusammenhänge, nach denen Faraday suchen ließ, werden dadurch ganz von selbst sichtbar. Auch ihre drei Lesarten leben in den Deutungsmethoden weiter - von den praktischen Fragen der Methode „Thoughts and Worries“ bis zum Gestalt-Ansatz, bei dem einzelne Traumfiguren selbst zu Wort kommen. Wenn du dich nur an wenige Träume erinnerst, beginne mit unserem Leitfaden zum Erinnern deiner Träume und sieh dir außerdem die vollständige Übersicht der Deutungsmethoden an, um weitere Perspektiven über ihre drei Lesarten hinaus kennenzulernen.


Faradays gesamte Lehre lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Lies den Brief. Nicht ehrfürchtig, nicht ängstlich und nicht mit dem Symbollexikon eines anderen, sondern so, wie du einen ehrlichen Brief von jemandem lesen würdest, der dich vollständig kennt: Prüfe zuerst die ganz praktische Botschaft, achte darauf, was sie über dich aussagt, höre den Anteilen in dir zu, die den Brief schreiben, und tue anschließend etwas damit - denn auf Briefe sollte eine Antwort folgen.

Ann Faraday: Häufig gestellte Fragen

Wer war Ann Faraday?
Eine britische Psychologin, die am University College London mit experimenteller Traumforschung promovierte, in den Traditionen von Freud, Jung, Gestalttherapie und Hypnotherapie ausgebildet wurde und zu einer Pionierin der humanistischen Psychologie in Großbritannien wurde. Mit ihren Büchern Dream Power (1972) und The Dream Game (1974) machte sie die eigenständige Traumdeutung weltweit bekannt.
Worum geht es in The Dream Game?
Das Buch ist die praktische Fortsetzung von Dream Power: eine leicht anwendbare Anleitung, mit der man eigene Träume mithilfe eines Traumtagebuchs, persönlicher Assoziationen und ihrer dreistufigen Lesart selbst deuten kann - ganz ohne Analytiker. Schon der Titel bringt ihre Haltung auf den Punkt: Traumarbeit ist ein ernstes Spiel, das die träumende Person gewinnt, indem sie im Wachleben etwas verändert.
Welche drei Ebenen der Traumdeutung unterscheidet Faraday?
Beginne mit dem Blick nach außen: Könnte der Traum eine wörtliche Aussage über dein äußeres Leben sein? Betrachte ihn danach als Spiegel deiner eigenen Einstellungen und Urteile der letzten Zeit. Erst anschließend folgt der Blick nach innen, bei dem die Traumfiguren als Anteile deiner Persönlichkeit eine Stimme erhalten. Entscheidend ist diese Reihenfolge: zuerst die Oberfläche, dann die Tiefe, damit die naheliegende Botschaft nicht von einer allzu raffinierten Deutung überdeckt wird.
Was hat es mit dem berühmten Beispiel der defekten Bremsen auf sich?
Faraday betonte, dass manche Träume schlicht praktische Warnungen sind: Träumst du davon, dass deine Bremsen versagen, solltest du als Erstes die Bremsen überprüfen. Unser Gehirn nimmt tagsüber kleine Signale aus der realen Welt wahr und meldet sie nachts im Traum. Erst wenn die wörtliche Deutung keine Erklärung liefert, lohnt sich der Blick auf die Symbolik.
Glaubte Ann Faraday an Traumlexika?
Nein. Sie vertrat die Auffassung, dass dasselbe Traumbild für verschiedene Menschen, zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedlichen Ebenen etwas anderes bedeuten kann. Deshalb funktionieren feste Symbolbedeutungen nicht. Statt eines Traumlexikons setzt ihre Methode auf die persönlichen Assoziationen der träumenden Person und deren Lebenskontext - eine Sichtweise, die auch von der modernen Traumforschung gestützt wird.
Ist Faradays Methode heute noch relevant?
Auf jeden Fall. Der von ihr populär gemachte Ansatz, zuerst ein Traumtagebuch zu führen und die träumende Person in den Mittelpunkt zu stellen, ist heute der Standard moderner Traumarbeit. Auch ihre Überzeugung, dass Träume meist das aktuelle Wachleben kommentieren, nahm die Kontinuitätshypothese der heutigen Traumforschung vorweg. Ihre Bücher sind auch nach über fünfzig Jahren noch erhältlich.
Wie kann ich ihre Methode schon heute Nacht ausprobieren?
Lege ein Aufnahmegerät oder Notizbuch neben dein Bett und halte direkt nach dem Aufwachen alles fest, woran du dich erinnerst. Notiere außerdem in einem Satz, was am Vortag passiert ist. Gehe anschließend die drei Lesarten der Reihe nach durch: Blick nach außen, Spiegel und Blick nach innen. Schließe mit einer kleinen Handlung im Alltag ab. Wiederhole das einige Wochen lang - die entstehenden Muster werden nach und nach ihre eigene Deutung sichtbar machen.

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Literatur

  1. 1. Dream Power
    Autor/in: Faraday, A.Jahr: 1972Verlag/Zeitschrift: Hodder & Stoughton
  2. 2. The Dream Game
    Autor/in: Faraday, A.Jahr: 1974Verlag/Zeitschrift: Temple Smith
  3. 3. The Babylonian Talmud, Berakhot 55a (source of the quoted saying)
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