
Montague Ullman: Traumgruppen und die gemeinsame Kraft der Träume
Fast alle prägenden Persönlichkeiten der Traumarbeit entwickelten eine Methode, um Träume zu deuten. Montague Ullman schuf einen Raum, in dem man sie gemeinsam verstehen konnte. Der Psychiater und Psychoanalytiker hatte jahrzehntelang Träume in der therapeutischen Praxis interpretiert und kam schließlich zu einer stillen, aber weitreichenden Erkenntnis: Träume sind zu wichtig, um sie ausschließlich Fachleuten zu überlassen. Die von ihm entwickelte Traumgruppe mit ihrem berühmten Fünf-Wort-Schlüssel „Wenn es mein Traum wäre“ holte die Traumarbeit aus der Klinik in die Wohnzimmer auf allen Kontinenten. Bis heute gilt sie als die sicherste und großzügigste Methode, mit der Menschen einander helfen können zu verstehen, was ihre Träume ihnen sagen wollen.
Wer war Montague Ullman?
Montague Ullman (1916-2008) absolvierte seine Ausbildung in Neurologie und Psychoanalyse in New York und arbeitete jahrzehntelang als Psychiater. 1962 gründete er das Dream Laboratory am Maimonides Medical Center in Brooklyn. Dort führte er gemeinsam mit Stanley Krippner die bekanntesten Experimente seiner Zeit zur Traumtelepathie durch - Versuche, Bilder auf schlafende Versuchspersonen zu übertragen. Die Ergebnisse wurden 1973 im Buch Dream Telepathy veröffentlicht. Damals sorgte die Forschung für großes Aufsehen und ist bis heute umstritten: Die wissenschaftliche Mehrheitsmeinung hat die Ergebnisse nie akzeptiert, Wiederholungsstudien lieferten keine überzeugenden Bestätigungen, und zu einer ehrlichen Darstellung von Ullmans Arbeit gehört es, das klar zu benennen. Aus den Jahren im Labor entstand jedoch etwas Dauerhafteres als die Kontroverse: die Überzeugung, dass Träume eine natürliche Ressource sind, die jedem Menschen gehört, und dass man zu ihrem Verständnis keinen medizinischen Abschluss braucht. Ab Mitte der 1970er-Jahre widmete er sich zunächst in Schweden und später weltweit der Vermittlung seiner erfahrungsorientierten Traumgruppe - jener Arbeit, die er selbst als sein eigentliches Vermächtnis ansah.
Wir alle arbeiten fortwährend an unerledigten emotionalen Angelegenheiten aus der Vergangenheit. Unsere Träume scheinen Zwischenstationen zu sein, auf denen diese Themen vorbeikommen.
Montague Ullman
Die Traumgruppe: Sicherheit zuerst, Entdeckung danach
Ullmans Konzept beruht auf zwei Grundsätzen, bei denen er keine Kompromisse einging. Der erste ist Sicherheit: Ein Traum gehört zum Intimsten, was ein Mensch mit anderen teilen kann. Deshalb entscheidet allein die träumende Person, was sie erzählt, wie weit sie gehen möchte und wann sie aufhört. Niemand darf drängen, nachbohren oder endgültige Deutungen verkünden. Der zweite Grundsatz ist Entdeckung: Andere Menschen helfen tatsächlich weiter - nicht indem sie erklären, was der Traum bedeutet, sondern indem sie ihre eigenen Reaktionen als Angebot zur Verfügung stellen. Die Mitglieder der Gruppe begegnen dem Traum so, als wäre es ihr eigener, und beginnen jeden Beitrag mit den fünf Worten „Wenn es mein Traum wäre“. Die träumende Person behält, was stimmig erscheint, und lässt den Rest ohne jede Rechtfertigung beiseite. Der Ablauf gliedert sich in mehrere Phasen:
| Phase | Was geschieht |
|---|---|
| 1. Erzählen | Eine freiwillige Person erzählt den Traum - und nur den Traum. Die Gruppe darf kurze Verständnisfragen zum Inhalt stellen. |
| 2. Das Spiel | Die Mitglieder machen sich den Traum zu eigen: „Wenn es mein Traum wäre, würde ich ... fühlen“. Zuerst beschreiben sie die ausgelösten Gefühle, anschließend überlegen sie, wofür die Traumbilder als Metaphern stehen könnten. |
| 3. Rückgabe | Der Traum wird an die träumende Person zurückgegeben. Sie reagiert frei auf alles, was sie angesprochen hat, und teilt so viel aus ihrem Leben mit, wie sie möchte. |
| 4. Dialog | Behutsame Fragen helfen dabei, den Traum mit aktuellen Lebenserfahrungen zu verbinden - immer im Tempo der träumenden Person und ohne sie über ihre Grenzen hinaus zu drängen. |
| 5. Abschluss | Ein Gruppenmitglied fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen. Das letzte Wort hat die träumende Person, und die endgültige Deutung gehört allein ihr. |
Die eigentliche Stärke steckt in der Formulierung. „Dein Traum bedeutet ...“ ist ein Übergriff. „Wenn es mein Traum wäre, würde er bedeuten ...“ ist ein Angebot, das die träumende Person annehmen oder ablehnen kann. Diese fünf Worte schützen sie vor den allzu klugen Deutungen der Gruppe und geben den anderen zugleich die Freiheit, ehrlich zu sein. Ganz nebenbei lernen alle etwas Grundlegendes: Niemand hat die Deutungshoheit über den Traum eines anderen Menschen.
Ullmans Methode ohne Gruppe anwenden
- Schreibe den Traum auf und gewinne dann etwas Abstand dazu. Lies ihn einen Tag später noch einmal, als hätte ihn dir ein Freund erzählt, und antworte schriftlich: "Wenn es mein Traum wäre, würde ich fühlen ... vielleicht will er sagen ...". Dieser Abstand bewirkt das, was sonst die Traumgruppe leistet.
- Sammle zwei oder drei Deutungen statt nur einer. Ullmans Vorgehen führt bewusst zu mehreren Blickwinkeln. Wenn du allein arbeitest, schreibe zuerst eine Deutung aus der Perspektive der Gefühle, eine als Metapher und eine mit Bezug zu aktuellen Ereignissen in deinem Leben auf, bevor du dich entscheidest.
- Teile einen Traum mit einer Person, der du vertraust, und bring ihr zuerst diese fünf Wörter bei. Schon zwei Menschen, die das Vorgehen ehrlich anwenden, bilden eine Traumgruppe.
- Das Vetorecht der träumenden Person ist unantastbar, auch dir selbst gegenüber: Führt eine Deutung nicht zu diesem Moment des Wiedererkennens, ist sie im Moment einfach nicht passend - ganz gleich, wie klug sie klingt.
- Achte auf die Zwischenstationen. Ullman sah Träume als Stationen, durch die unerledigte Themen hindurchziehen. Wenn dieselben Themen immer wieder auftauchen, liegt darin der eigentliche Text.

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Vermächtnis: Der demokratische Traum
Die Telepathie-Experimente spielen in den Debatten der Parapsychologie bis heute eine Rolle. Ullmans bleibendes Vermächtnis ist jedoch gesellschaftlicher Natur: Tausende selbstorganisierte Traumgruppen arbeiten nach seinem Protokoll in Skandinavien, Nord- und Südamerika sowie Asien, eine ganze Generation von Menschen wurde in seiner Haltung zur Traumarbeit ausgebildet, und der heute weit verbreitete Grundsatz, der längst über seine Gruppen hinaus übernommen wurde, dass die träumende Person die letzte Autorität ist und Respekt vor Einsicht kommt. Er vertrat die Ansicht, dass das Teilen von Träumen eine besondere Form von Ehrlichkeit zwischen Menschen entstehen lässt, weil Träume nichts vorspielen. Jahrzehntelange Gruppenpraxis hat diese Sicht bestätigt. Wenn dir ein Freund schon einmal einen Traum erzählt hat und du mit "Vielleicht geht es dabei um ..." geantwortet hast, dann hast du - bewusst oder unbewusst - eine einfachere Version dessen angewendet, was Ullman zur Meisterschaft entwickelt hat.
Der Geist Ullmans in deiner eigenen Praxis
Die Deutungsmethoden von Ruya beruhen auf derselben Haltung, auf der Ullman bestand: Sie fragen zuerst, bevor sie Deutungen anbieten, liefern Anregungen zum Überprüfen statt Urteile zum Akzeptieren und belassen das letzte Wort dort, wo auch er es sah - bei der träumenden Person. Das Journal liefert das Rohmaterial, das seine Methode braucht: frisch festgehaltene Träume zusammen mit dem jeweiligen Lebenskontext. Außerdem erfüllt es unauffällig genau das, was ihm am wichtigsten war: Es erkennt, wenn dieselben unerledigten Themen immer wieder auftauchen. Unser Leitfaden zu wiederkehrenden Träumen knüpft daran an, und die Übersicht der Deutungsmethoden zeigt die Perspektiven, die dir eine gute Traumgruppe eröffnet hätte.
Ullmans fünf Wörter enthalten eine ganze Philosophie im Kleinen: Begegne jedem Traum, auch deinem eigenen, als Gast und nicht als Besitzer. Bedeutung wird angeboten, nie aufgezwungen; Nähe braucht Sicherheit; und die Autorität liegt letztlich immer bei der Person, die den Traum hatte. Eine sanftere Revolution lässt sich kaum vorstellen.
Montague Ullman: Häufig gestellte Fragen
Wer war Montague Ullman?
Was ist eine Ullman-Traumgruppe?
Was bedeutet „Wenn es mein Traum wäre“?
Waren die Traumtelepathie-Experimente am Maimonides Medical Center seriöse Wissenschaft?
Wie kann ich ein Gespräch über Träume sicher gestalten?
Kann ich seine Methode auch allein anwenden?
Ersetzt eine Traumgruppe eine Therapie?
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