
Patricia Garfield und Creative Dreaming: Gestalte deine Träume
Die meisten Bücher über Träume zeigen dir, wie du deine nächtlichen Erlebnisse deutest. Patricia Garfields 1974 erschienenes Buch Creative Dreaming vertrat eine ungewöhnlichere und mutigere These: Du kannst sie selbst mitgestalten. Träume sind, so ihre Überzeugung, kein Wetter, das man einfach über sich ergehen lässt, sondern eine Fähigkeit, die sich üben lässt. Menschen und Kulturen auf der ganzen Welt haben im Lauf der Geschichte gelernt, gezielt jene Träume einzuladen, die sie brauchen - Mut vor einer Prüfung, eine Antwort auf ein Problem, die Begegnung mit einer verlorenen Freundin oder einem verlorenen Freund oder Trost nach einem Verlust. Das Buch wurde zu einem der meistverkauften Traumtitel überhaupt, trug zur Gründung einer internationalen wissenschaftlichen Vereinigung bei und machte den Begriff Trauminkubation im modernen Sprachgebrauch bekannt. Hier erfährst du ihre Geschichte, ihre Methode und eine ehrliche Einschätzung dessen, was wissenschaftlich Bestand hat.
Wer war Patricia Garfield?
Patricia Garfield (1934-2021) war eine US-amerikanische Psychologin, die vermutlich das längste durchgehend geführte private Traumtagebuch der Welt führte. Sie begann als Jugendliche damit und setzte es mehr als sieben Jahrzehnte lang fort - mit Zehntausenden Träumen, die sie eigenhändig aufschrieb. Dieses Archiv machte sie gewissermaßen zu einer lebenden Langzeitstudie und bildete die Grundlage für alles, was sie veröffentlichte: Creative Dreaming (1974), The Healing Power of Dreams (1991), das untersucht, wie Träume Krankheit und Genesung widerspiegeln, sowie The Universal Dream Key (2002), in dem sie wiederkehrende Traumthemen aus Kulturen auf der ganzen Welt miteinander verglich. Sie war Gründungsmitglied der International Association for the Study of Dreams und später deren Präsidentin. Über Jahrzehnte hinweg zählte sie außerdem zu den bekanntesten öffentlichen Lehrenden auf dem Gebiet der Traumarbeit.
Träumen ist ein privates Theater, in dem mehrere Bühnenstücke gleichzeitig gespielt werden.
Patricia Garfield
Trauminkubation: Den Traum einladen, den du brauchst
Im Mittelpunkt von Creative Dreaming steht eine Praxis, die älter ist als die Psychologie: Schon die alten Griechen schliefen in den Asklepios-Tempeln, um heilende Träume zu empfangen, und überall auf der Welt bereiteten sich Menschen mit einer klaren Absicht auf den Schlaf vor. Garfield fasste die gemeinsamen Grundprinzipien zu einer Methode zusammen, die jede und jeder zu Hause anwenden kann. Die wissenschaftliche Grundlage ist solide: Moderne Studien zur Suggestion vor dem Einschlafen zeigen, dass eine klar formulierte Absicht den Trauminhalt tatsächlich in Richtung des gewählten Themas lenken kann. Trauminkubation ist heute ein etabliertes Werkzeug in der Traumforschung, der Albtraumtherapie und zur Förderung luzider Träume. Ihr Vorgehen:
- Wähle eine klare Absicht. Eine einzige Frage, ein Thema oder eine Person - keine lange Wunschliste. Vage Wünsche führen zu vagen Träumen.
- Fasse sie in einem Satz zusammen, in der Gegenwart und positiv formuliert: "Heute Nacht träume ich von dieser Entscheidung und erkenne einen Weg."
- Beschäftige dich tagsüber immer wieder damit: Komm in ruhigen Momenten auf das Thema zurück, lies darüber und halte die emotionale Verbindung aufrecht. Träume greifen auf, was dich tagsüber beschäftigt hat.
- Wiederhole den Satz beim Schlafengehen und stelle dir das Thema bildlich vor. Lass diesen Gedanken der letzte sein, bevor du einschläfst.
- Schreibe nach dem Aufwachen sofort alles auf, auch Bruchstücke. Inhalte aus der Trauminkubation erscheinen oft indirekt - in Bildern, deren Zusammenhang erst beim Aufschreiben deutlich wird.
- Bleib mehrere Nächte dran. Für Garfield war Trauminkubation eine Fähigkeit, die mit Übung besser wird. Die Forschung bestätigt das: Mit zunehmender Praxis steigt auch die Trefferquote.

Was möchte dir dein Traum sagen?
Entdecke deinen Traum aus psychologischer Sicht – von jungianischen Symbolen und Archetypen bis hin zu deinen Gedanken und Sorgen im Alltag.
The Universal Dream Key: Zwölf Traumthemen, die Menschen überall auf der Welt teilen
Durch den Vergleich von Traumberichten aus unterschiedlichen Kulturen katalogisierte Garfield jene Themen, die überall auftreten, wo Menschen träumen. Die meisten davon drehen sich um Ängste, und alle scheinen uralt zu sein. Eine Auswahl ihrer universellen Traumthemen:
| Thema | Der universelle rote Faden |
|---|---|
| Verfolgt oder angegriffen werden | Der häufigste Traum der Welt: das Einüben von Bedrohungen in jeweils lokal geprägten Bildern |
| Fallen | Verlust von Halt oder Kontrolle - oft zuerst körperlich spürbar, bevor sich die Traumgeschichte entfaltet |
| Zähne fallen aus | Aussehen, Älterwerden und Ohnmacht - ein Traum, der auf allen Kontinenten vorkommt |
| Fliegen | Das grosse positive universelle Motiv: Freiheit, Selbstsicherheit und Freude - zugleich ein häufiger Einstieg ins luzide Träumen |
| Nackt in der Öffentlichkeit | Sich bloßgestellt und verletzlich fühlen - je nach aktueller Scham der träumenden Person komisch oder zutiefst peinlich |
| Unvorbereitet für eine Prüfung | Geprüft werden und nicht zu genügen - selbst Jahrzehnte nach der letzten echten Prüfung |
| Neue Räume entdecken | Das Selbst ist grösser, als die träumende Person bisher wusste - ein seltener universeller Traum, der Freude auslöst |
Ihre Kernaussage hatte zwei Seiten: Die Themen sind universell, ihre Bedeutung jedoch persönlich und hängt davon ab, was Sie in Ihrem Leben gerade verfolgt, auf die Probe stellt oder bloßstellt. Wenn Ihnen besonders häufig träumt, dass Ihnen die Zähne ausfallen, beleuchtet unser Ratgeber zum Traum "Zähne fallen aus" dieses Thema aus wissenschaftlicher Sicht und im Licht verschiedener Traditionen.
Vermächtnis und die Senoi-Frage
Der Fairness halber braucht das Buch von 1974 eine Korrektur. In seinem romantischsten Kapitel beschreibt es die Senoi in Malaya als Gesellschaft von Meisterinnen und Meistern der Traumkontrolle, deren morgendliches Austauschen von Träumen zu aussergewöhnlicher Harmonie führe. Garfield übernahm diese Darstellung von früheren Autorinnen und Autoren. Spätere ethnologische Forschung zeigte jedoch, dass sie weitgehend auf einer westlichen Legende beruhte. Diese Korrektur ist wichtig, schmälert aber Garfields eigentlichen Beitrag nicht, denn ihre Methoden waren nie von dieser Erzählung abhängig: Eine bewusste Absicht beeinflusst Träume, sich Albtraumgestalten zu stellen ist hilfreicher als vor ihnen zu fliehen, das Teilen von Träumen stärkt Nähe, und ein konsequent geführtes Traumtagebuch entfaltet mit der Zeit eine kumulative Wirkung. Moderne Forschung zu Trauminkubation, luzidem Träumen und der Imagery Rehearsal Therapy hat diesen praktischen Kern gestützt. Neben ihren Büchern gab ihre Mitbegründung der International Association for the Study of Dreams dem Forschungsfeld eine dauerhafte Heimat, und ihre jahrzehntelange Lehrtätigkeit machte das Traumtagebuch zu etwas, das in vielen Haushalten selbstverständlich wurde. Nur wenige Menschen haben mehr dazu beigetragen, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass Träumen eine Fähigkeit ist, die sich entwickeln lässt.
Creative Dreaming mit Ruya praktizieren
Garfields siebzig Jahre lang geführtes Traumtagebuch sind eines der überzeugendsten Argumente dafür, Träume aufzuschreiben. Ruya bietet dafür die moderne Variante: Halten Sie Ihre Träume direkt nach dem Aufwachen per Sprache oder Text fest, notieren Sie am Vorabend Ihre Absichten für die Trauminkubation und nutzen Sie ein Archiv, das Ihnen - so wie Garfields eigenes - zeigt, welche Themen Sie besonders begleiten und wie sie sich im Lauf der Zeit verändern. Wenn Sie besonders die Seite ihrer Arbeit anspricht, die sich mit bewusster Steuerung beschäftigt, ist luzides Träumen der nächste naheliegende Schritt: Unser Leitfaden zum luziden Träumen knüpft genau dort an, wo Creative Dreaming ansetzt. Und für jene Morgen, an denen der eingeladene Traum in Rätseln spricht, finden Sie dort auch passende Methoden zur Traumdeutung.
Garfields Überzeugung, die sie siebzig Jahre lang Nacht für Nacht lebte, war: Träumende sind keine blossen Zuschauerinnen oder Zuschauer. Bitten Sie um den Traum, den Sie gerade brauchen, stellen Sie sich dem, was Sie verfolgt, und schreiben Sie auf, was Ihnen geschenkt wird. Die Nacht, so lehrte sie, kommt den Menschen entgegen - aber nur jenen, die mit einer klaren Absicht und einem Stift erscheinen.
Patricia Garfield: Häufig gestellte Fragen
Wer war Patricia Garfield?
Worum geht es in Creative Dreaming?
Was ist Trauminkubation und funktioniert sie?
Kann man seine Träume wirklich kontrollieren?
Was ist The Universal Dream Key?
Worum geht es bei der Senoi-Kontroverse?
Wie beginne ich eine Praxis nach ihrem Vorbild?
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