Ibn Sirin Traumdeutung: Methode, Symbole und das berühmte Buch
Von Ruya EditorialFreitag, 14. August 2026Lesezeit: 8 Min.

Traumdeutung nach Ibn Sirin: Methode, Symbole und das berühmte Buch

Träumst du von einer Schlange, wachst du wahrscheinlich mit einem unguten Gefühl auf. Träumst du von Regen, einem Garten oder dem Propheten, fragst du dich vielleicht, ob etwas Gutes bevorsteht. Seit mehr als dreizehn Jahrhunderten verbinden Muslime, die sich solche Fragen stellen, vor allem einen Namen mit der Traumdeutung: Muhammad Ibn Sirin. Dieser Leitfaden zeigt, wer er wirklich war, wie seine Methode der islamischen Traumdeutung funktioniert, welche Symbole in der Tradition, die seinen Namen trägt, am häufigsten vorkommen und was tatsächlich hinter dem berühmten Buch steckt, das unter seinem Namen verkauft wird.

Wer war Muhammad Ibn Sirin?

Muhammad Ibn Sirin wurde um 33 AH (etwa 654 n. Chr.) in Basra, im heutigen Irak, geboren. Er gehörte zur Generation nach den Gefährten des Propheten Muhammad (den Tabi'un). Sein Vater Sirin war ein Gefangener, der nach den frühen muslimischen Eroberungen freigelassen wurde und als Klient (Mawla) von Anas ibn Malik, dem bekannten Diener und Gefährten des Propheten, lebte. Das Aufwachsen in diesem Umfeld brachte den jungen Muhammad in direkten Kontakt mit der frühen islamischen Gelehrsamkeit: Er lernte bei Anas ibn Malik, Abu Hurairah und weiteren Gefährten und wurde zu einem angesehenen Hadith-Überlieferer, dessen Überlieferungen in den Sammlungen von al-Bukhari und Muslim enthalten sind.

Ibn Sirin verdiente seinen Lebensunterhalt als Tuchhändler, und sein Ruf für Ehrlichkeit wurde legendär. Es heißt, er habe lieber eine Gefängnisstrafe wegen einer Schuld in Kauf genommen, als aus einem Geschäft Gewinn zu ziehen, dessen Rechtmäßigkeit er anzweifelte. Seine Schwester Hafsa bint Sirin war ebenfalls eine angesehene Gelehrte des Qur'an und der Hadithe. Als er 110 AH (729 n. Chr.) in Basra starb, trauerte man um ihn als einen der vertrauenswürdigsten Gelehrten seiner Generation. Er blieb wegen seiner Frömmigkeit, Genauigkeit und seines außergewöhnlich scharfen Witzes in Erinnerung.

Der berühmteste Traumdeuter im Islam

Unter seinen Zeitgenossen hob sich Ibn Sirin besonders durch seine Fähigkeit zur Ta'bir al-Ru'ya (Traumdeutung) hervor. Die überlieferten Berichte zeigen jedoch einen vorsichtigen, beinahe zurückhaltenden Ausleger. Bevor er eine Deutung abgab, fragte er die Träumenden nach ihren persönlichen Umständen. Derselbe Traum konnte je nach Person unterschiedlich gedeutet werden, und wenn er sich nicht sicher war, verzichtete er oft ganz auf eine Interpretation. Für ihn war die Deutung eines Traums eher mit der Erteilung eines religiösen Rechtsurteils vergleichbar als mit Wahrsagerei und erforderte dieselbe Sorgfalt.

Wie deutete Ibn Sirin Träume? Seine Methode

Die unter seinem Namen überlieferte Methode beruht auf einigen beständigen Grundsätzen und nicht auf einem festen Nachschlagewerk mit Bedeutungen:

  • Symbole mit Ursprung im Qur'an und in der Sunnah: Die Bedeutung eines Symbols wird zuerst in den heiligen Quellen gesucht. Wasser kann für Wissen oder Leben stehen, Regen für Barmherzigkeit, ein Garten für gute Taten und das Paradies. Erst danach werden weitere Deutungen in Betracht gezogen.
  • Der persönliche Kontext der träumenden Person: Derselbe Traum bedeutet für einen Herrscher nicht dasselbe wie für einen Händler oder für besorgte Eltern und Studierende. Vor einer Deutung fragt der Ausleger nach Beruf, Gesundheit, Sorgen und Glauben, weil sich die Bedeutung je nach Lebenssituation verändert.
  • Vorsicht und Ehrlichkeit: Ein Traum wird nur gedeutet, wenn die Anzeichen eindeutig sind. Ist das nicht der Fall, ist Schweigen die ehrliche Antwort. Klassische Traumdeuter betrachteten eine leichtfertige Deutung als echten Schaden und nicht als harmlose Vermutung.

Die drei Arten von Träumen im Islam

Die islamische Traumdeutung beginnt mit einem bekannten Hadith aus Sahih Muslim, in dem der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) erklärte, dass Träume in drei Arten unterteilt werden:

  • Ru’ya (wahre Träume): gute und wahrhaftige Träume, die von Allah kommen. Sie sind meist klar, ruhig und gut erinnerlich. Im Hadith werden sie als frohe Botschaft beschrieben.
  • Hulm (schlechte Träume): beunruhigende Träume von Shaytan, die den Träumenden erschrecken oder traurig machen sollen. Sie haben keine Aussagekraft über die Zukunft und werden nicht gedeutet.
  • Hadith an-nafs (das Selbstgespräch): gewöhnliche Träume, die aus den Gedanken, Erinnerungen und Sorgen des Alltags entstehen. Die meisten Träume gehören in diese Kategorie, und die Tradition versteht sie eher als Nachklang des Tages denn als Botschaften.

Ein weiterer bekannter Hadith beschreibt den wahrhaftigen Traum eines rechtschaffenen Menschen als einen der sechsundvierzig Teile der Prophetie. Klassische Gelehrte zogen daraus eine praktische Lehre: Gute Träume sollte man als Ermutigung annehmen, beängstigende Träume verwerfen und nicht jeden Traum als Botschaft betrachten, die entschlüsselt werden muss.

Der gute Traum kommt von Allah, und der schlechte Traum kommt von Satan. Wer also etwas sieht, das ihm missfällt, soll bei Allah Zuflucht vor dessen Übel suchen, dann wird es ihm nicht schaden.

Prophet Muhammad (peace be upon him), Sahih al-Bukhari

Tafsir al-Ahlam: Hat Ibn Sirin das berühmte Buch wirklich geschrieben?

In nahezu jeder islamischen Buchhandlung findet man Traumlexika mit dem Namen Ibn Sirin auf dem Umschlag: Tafsir al-Ahlam, Muntakhab al-Kalam fi Tafsir al-Ahlam, Das große Buch der Traumdeutung und unzählige Übersetzungen dieser Werke. Diese Bücher haben das Verständnis von Träumen bei Millionen Muslimen geprägt und zählen bis heute zu den meistzitierten Werken auf diesem Gebiet.

Historiker der islamischen Literatur sind sich jedoch einig, dass Ibn Sirin diese Werke nicht selbst verfasst hat. Al-Dhahabi wies darauf hin, dass die überlieferten Texte Personen und Ereignisse erwähnen, die erst nach Ibn Sirins Tod auftraten. Ibn al-Qayyim erklärte zudem ausdrücklich, dass kein authentisches Buch zur Traumdeutung von ihm erhalten geblieben ist. Die bekanntesten Sammlungen, die seinen Namen tragen, wurden erst Jahrhunderte später aus einer langen Überlieferungskette von Traumdeutern zusammengestellt, die in seiner Tradition standen. Das schmälert seine Bedeutung keineswegs: Seine überlieferten Traumdeutungen, die von seinen Schülern weitergegeben wurden, bildeten die Grundlage, auf der diese späteren Bücher entstanden. Daher ist die treffendere Formulierung „die Ibn Sirin zugeschriebene Tradition“ und nicht „Ibn Sirins Buch“.

Häufige Traumsymbole in der Ibn-Sirin-Tradition

Das klassische Schrifttum, das Ibn Sirin zugeschrieben wird, deutet die am häufigsten erfragten Symbole ungefähr wie folgt. Denken Sie dabei an die wichtigste Regel dieser Methode: Der Kontext verändert alles. Betrachten Sie diese Deutungen daher als Ausgangspunkte und nicht als endgültige Urteile.

  • Schlangen: ein verborgener Feind oder Feindseligkeit. Größe und Verhalten der Schlange geben Hinweise auf das Ausmaß der Bedrohung. Ihr zu entkommen oder sie zu töten deutet darauf hin, den Feind zu überwinden.
  • Gold und Silber: Überraschenderweise wird Gold bei Männern oft als Warnung verstanden und kann auf eine Strafe, einen Verlust oder eine Belastung hinweisen, während Silber meist für ehrlichen Wohlstand und Versorgung steht.
  • Eine verstorbene Person: wird häufig als Hinweis auf ihren Zustand oder auf Ihre Verbindung zu ihr verstanden. Etwas von einem Verstorbenen zu erhalten, deutet auf Gutes oder Versorgung hin. Ihm etwas zu geben, kann einen Verlust anzeigen.
  • Heirat: eine neue Verantwortung, Verpflichtung oder Veränderung des sozialen Status. Die Deutung richtet sich danach, wer der Ehepartner ist und in welcher Situation sich der Träumende befindet.
  • Schwangerschaft: Zunahme oder Wachstum. Für den Träumenden weist sie meist auf Wachstum in Vermögen, Arbeit oder weltlichen Angelegenheiten hin.
  • Regen: Sanfter, allgemeiner Regen steht für Barmherzigkeit, Erleichterung und Segen. Regen, der nur an einem Ort fällt oder Zerstörung bringt, wird als Prüfung oder Härte gedeutet.
  • Löwen: ein mächtiger Gegner oder eine Autoritätsperson. Entscheidend ist weniger der Löwe selbst als die Art, wie man ihm begegnet.
  • Hunde: meist ein schwacher oder niederträchtiger Feind. Ein bellender Hund steht für eine Beleidigung durch jemanden, der keine Antwort wert ist, während ein treuer Wachhund einen schützenden Freund symbolisieren kann.
  • Datteln: süße, erlaubte Versorgung (Rizq). Gute Datteln zu essen weist auf halal erworbenen Lebensunterhalt und die Süße des Glaubens hin.
  • Den Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) sehen: Nach der Überlieferung, gestützt auf Hadithe, kann Shaytan nicht die Gestalt des Propheten annehmen. Ein solcher Traum gilt daher als wahrhaftige Vision und als große frohe Botschaft.
Ibn Sirin, der klassische islamische Traumdeuter, illustriert
Islamische Traumdeutung

Islamische Traumdeutung

Fragst du dich, was dein Traum in der islamischen Tradition bedeutet? Teile deinen Traum und erhalte eine einfühlsame Traumdeutung auf Grundlage islamischer Quellen.

Was man nach einem guten oder schlechten Traum tun sollte

Die Sunnah gibt für beide Arten von Träumen einfache und praktische Verhaltensregeln vor, und die Ibn-Sirin-Tradition wiederholt sie immer wieder:

  • Nach einem guten Traum: Lobe und danke Allah, nimm ihn als stille Ermutigung an und erzähle ihn nur Menschen, die du liebst und denen du vertraust.
  • Nach einem schlechten Traum: Suche Zuflucht bei Allah vor seinem Übel, spucke dreimal leicht und trocken nach links, drehe dich auf die andere Seite und erzähle niemandem davon. Der Hadith sagt ausdrücklich, dass ein Traum, mit dem so umgegangen wird, dir nicht schaden kann, und ein schlechter Traum wird niemals gedeutet.

Das Vermächtnis von Ibn Sirin heute

Auch dreizehn Jahrhunderte später ist Ibn Sirin noch immer der erste Name, an den Menschen denken, wenn sie ein Traum beunruhigt oder erfreut - von Basra über Istanbul bis nach Daressalam. Die Bücher, die seinen Namen tragen, gehören weiterhin zu den Bestsellern, und seine Methode, Symbole anhand der Schrift zu deuten und im Zusammenhang mit dem Leben des Träumenden zu bewerten, prägt bis heute die islamische Traumdeutung.

Gerade deshalb sind sorgfältige Fragen bis heute wichtiger als das Nachschlagen in Traumlexika. Diesem Ansatz folgt auch Ruya bei der islamischen Traumdeutung: Du hältst deinen Traum in deinem Journal fest, beantwortest einige Fragen zu deinem Leben und deinen Umständen - genau so, wie Ibn Sirin sie gestellt hätte - und erhältst eine Deutung, die in der klassischen Tradition verwurzelt ist. Eine alte Methode, ein moderner Begleiter.

Häufig gestellte Fragen zu Ibn Sirin

Wer war Ibn Sirin?
Muhammad Ibn Sirin (etwa 654 bis 729 n. Chr.) war ein Gelehrter aus Basra aus der Generation nach den Gefährten des Propheten. Als vertrauenswürdiger Hadith-Überlieferer, der für seine Ehrlichkeit und Frömmigkeit bekannt war, wurde er zum berühmtesten Traumdeuter der islamischen Geschichte.
Hat Ibn Sirin Tafsir al-Ahlam wirklich selbst geschrieben?
Nein. Historiker sind sich einig, dass die unter seinem Namen verkauften Traumlexika, darunter Tafsir al-Ahlam und Muntakhab al-Kalam, erst Jahrhunderte nach seinem Tod zusammengestellt wurden. Sie bewahren Deutungen aus einer Tradition, die auf ihn zurückgeht. Deshalb blieb sein Name auf dem Einband erhalten.
Welche drei Arten von Träumen gibt es im Islam?
Nach einem Hadith in Sahih Muslim gibt es ru’ya - wahre Träume von Allah -, hulm - schlechte Träume von Schaitan - und hadith an-nafs - gewöhnliche Träume, die aus den eigenen Gedanken und Sorgen entstehen. Nur wahre Träume werden gedeutet.
Wie deutete Ibn Sirin Träume?
Er deutete Symbole anhand des Korans und der Sunnah und setzte sie anschließend in Beziehung zu den persönlichen Umständen des Träumenden. Bevor er antwortete, fragte er nach dessen Arbeit, Sorgen und Glauben. War die Bedeutung nicht eindeutig, zog er Schweigen dem Raten vor.
Was bedeutet es im Islam, von einer Schlange zu träumen?
In der Ibn Sirin zugeschriebenen Tradition weist eine Schlange meist auf einen verborgenen Feind oder Feindseligkeit hin. Die Einzelheiten sind entscheidend: Ihre Größe deutet auf das Ausmaß der Bedrohung hin, und wenn man ihr entkommt oder sie tötet, bedeutet das, dass man sie überwinden wird. Der Zusammenhang kann die Deutung jedoch vollständig verändern.
Was sollte ich nach einem schlechten Traum im Islam tun?
Folge der Sunnah: Suche Zuflucht bei Allah vor seinem Übel, spucke dreimal leicht und trocken nach links, drehe dich auf die andere Seite und erzähle niemandem davon. Der Hadith lehrt, dass ein schlechter Traum, mit dem so umgegangen wird, dir nicht schaden kann und niemals gedeutet wird.
Kann ich online eine Traumdeutung im Stil von Ibn Sirin erhalten?
Ja. Die islamische Deutungsmethode von Ruya folgt dem klassischen Ansatz: Du beschreibst deinen Traum, beantwortest einige Fragen zu deinen Lebensumständen und erhältst eine Deutung, die auf dem Koran, der Sunnah und der Ibn Sirin zugeschriebenen Tradition basiert.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf Englisch verfasst. Original lesen

Quellen

  1. 1. Muntakhab al-Kalam fi Tafsir al-Ahlam (attributed)
    Autor: Attributed to Ibn Sirin, M.Jahr: n.d.Verlag/Fachzeitschrift: Classical compilation, various publishers
  2. 2. The Early Muslim Tradition of Dream Interpretation
    Autor: Lamoreaux, J. C.Jahr: 2002Verlag/Fachzeitschrift: State University of New York Press
  3. 3. Sahih Muslim, The Book of Dreams (Kitab al-Ru'ya)
    Autor: Muslim ibn al-HajjajJahr: n.d.Verlag/Fachzeitschrift: Hadith collection
  4. 4. Sahih al-Bukhari, Book of the Interpretation of Dreams
    Autor: al-Bukhari, M.Jahr: n.d.Verlag/Fachzeitschrift: Hadith collection
  5. 5. The Dream and Human Societies
    Autor: von Grunebaum, G. E., & Caillois, R. (eds.)Jahr: 1966Verlag/Fachzeitschrift: University of California Press
share

Teilen