Montague Ullman: Traumgruppen und die gemeinsame Kraft der Träume
Von Ruya EditorialMittwoch, 9. September 2026Lesezeit: 9 Min.

Montague Ullman: Traumgruppen und die gemeinsame Kraft der Träume

Fast jede andere Persönlichkeit in der Geschichte der Traumarbeit entwickelte eine Methode, um Träume zu deuten. Montague Ullman schuf den Raum, in dem sie gemeinsam verstanden werden können. Der Psychiater und Psychoanalytiker hatte jahrzehntelang Träume in der therapeutischen Praxis interpretiert und kam zu einer Einsicht, die den eigenen Berufsstand leise infrage stellte: Träume sind zu wichtig, um sie allein Fachleuten zu überlassen. Die von ihm entwickelte Traumgruppe mit ihrem berühmten Fünf-Wort-Satz «wenn es mein Traum wäre» brachte die Traumarbeit aus der Klinik in Wohnzimmer auf allen Kontinenten. Bis heute gilt sie als eine der sichersten und grosszügigsten Möglichkeiten, wie Menschen einander helfen können zu verstehen, was ihre Träume ihnen sagen.

Wer war Montague Ullman?

Montague Ullman (1916-2008) absolvierte seine Ausbildung in Neurologie und Psychoanalyse in New York und arbeitete jahrzehntelang als Psychiater. 1962 gründete er das Dream Laboratory am Maimonides Medical Center in Brooklyn. Dort führte er gemeinsam mit Stanley Krippner die bekanntesten Experimente seiner Zeit zur Traumtelepathie durch - Versuche, Bilder an schlafende Versuchspersonen zu übermitteln. Die Ergebnisse wurden 1973 im Buch Dream Telepathy veröffentlicht. Damals sorgte die Forschung für Schlagzeilen und sie bleibt bis heute umstritten: Die wissenschaftliche Mehrheitsmeinung akzeptierte die Resultate nie, Wiederholungsstudien lieferten keine überzeugenden Bestätigungen, und eine ehrliche Darstellung von Ullmans Arbeit muss das klar benennen. Aus den Jahren im Labor ging jedoch etwas Beständigeres hervor als die Kontroverse: die Überzeugung, dass Träume eine natürliche Ressource sind, die allen Menschen gehört, und dass man kein Medizinstudium braucht, um ihren Wert zu erschliessen. Ab Mitte der 1970er-Jahre widmete sich Ullman zunächst in Schweden und später weltweit der Vermittlung seiner erfahrungsorientierten Traumgruppen - jener Arbeit, die er selbst als sein eigentliches Vermächtnis betrachtete.

Wir alle arbeiten fortlaufend an unerledigten emotionalen Themen aus der Vergangenheit. Unsere Träume scheinen Zwischenstationen zu sein, auf denen diese Anliegen vorbeikommen.

Montague Ullman

Die Traumgruppe: Sicherheit zuerst, Entdeckung danach

Ullmans Ansatz beruht auf zwei Grundsätzen, bei denen er keine Kompromisse einging. Der erste ist Sicherheit: Ein Traum gehört zum Intimsten, was ein Mensch teilen kann. Deshalb entscheidet allein die träumende Person, was sie erzählen möchte, wie weit sie gehen will und wann Schluss ist. Niemand darf drängen, nachbohren oder endgültige Deutungen verkünden. Der zweite Grundsatz ist Entdeckung: Andere Menschen helfen tatsächlich - nicht indem sie erklären, was der Traum bedeutet, sondern indem sie ihre eigenen Reaktionen als Angebot zur Verfügung stellen. Die Mitglieder der Traumgruppe begegnen dem Traum so, als wäre es ihr eigener, und beginnen jeden Beitrag mit den fünf Worten «wenn es mein Traum wäre». Die träumende Person behält, was stimmig ist, und lässt alles andere ohne Begründung beiseite. Der Ablauf erfolgt in mehreren Schritten:

Die Phasen einer Ullman-Traumgruppe
PhaseWas geschieht
1. ErzählenEine freiwillige Person erzählt den Traum - und nur den Traum. Die Gruppe darf kurze Verständnisfragen zum Inhalt stellen.
2. Das SpielDie Mitglieder übernehmen den Traum als ihren eigenen: «wenn es mein Traum wäre, würde ich ... fühlen». Zuerst sprechen sie über die Gefühle, die der Traum auslöst, danach darüber, wofür seine Bilder als Metaphern stehen könnten.
3. RückgabeDer Traum wird an die träumende Person zurückgegeben. Sie reagiert frei auf alles, was sie angesprochen hat, und erzählt so viel aus ihrem Leben, wie sie möchte.
4. DialogBehutsame Fragen helfen dabei, den Traum mit dem aktuellen Leben zu verbinden - immer im Tempo der träumenden Person und ohne Druck.
5. AbschlussEin Gruppenmitglied fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen. Das letzte Wort hat die träumende Person, und die endgültige Deutung gehört allein ihr.

Die eigentliche Stärke liegt in der Formulierung. «Dein Traum bedeutet ...» ist ein Übergriff. «Wenn es mein Traum wäre, würde er bedeuten ...» ist ein Angebot, das die träumende Person annehmen oder ablehnen kann. Diese fünf Worte schützen sie vor den vorschnellen Deutungen der Gruppe und geben den anderen zugleich die Freiheit, ehrlich zu sein. Ganz nebenbei lernen alle Beteiligten eine wichtige Lektion: Niemand ist die Autorität über den Traum eines anderen Menschen.

Ullmans Methode ohne Traumgruppe anwenden

  1. Schreibe den Traum auf und schaffe dann etwas Abstand dazu. Lies ihn einen Tag später nochmals, als hätte ihn dir eine Freundin oder ein Freund erzählt, und schreibe deine Reaktion auf: "Wenn das mein Traum wäre, würde ich fühlen ... vielleicht will er sagen ..." Dieser Abstand bewirkt Ähnliches wie eine Traumgruppe.
  2. Sammle zwei oder drei Deutungen statt nur einer. Ullmans Vorgehen eröffnet bewusst verschiedene Blickwinkel. Wenn du allein arbeitest, schreibe zuerst eine Deutung aus der Perspektive der Gefühle, dann eine als Metapher und schliesslich eine mit Bezug zu deinem aktuellen Leben - erst danach entscheide.
  3. Teile einen Traum mit einer Person, der du vertraust, und erkläre ihr vorher diese fünf Wörter. Schon zwei Menschen, die das Vorgehen ehrlich anwenden, bilden eine Traumgruppe.
  4. Achte das Vetorecht der träumenden Person, auch dir selbst gegenüber: Führt eine Deutung nicht zu diesem Moment des Wiedererkennens, dann ist sie im Augenblick einfach nicht passend - ganz gleich, wie überzeugend sie klingt.
  5. Achte auf die Zwischenstationen. Ullman verstand Träume als Stationen, an denen unerledigte emotionale Themen auftauchen. Wenn dasselbe Thema immer wieder erscheint, liegt darin die eigentliche Geschichte.
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Vermächtnis: Der demokratische Traum

Die Telepathie-Experimente spielen in den Debatten der Parapsychologie bis heute eine Rolle. Ullmans bleibendes Vermächtnis ist jedoch gesellschaftlicher Natur: Tausende von Traumgruppen, die in Skandinavien, Nord- und Südamerika sowie Asien nach seinem Protokoll arbeiten, eine Generation von Menschen, die in seiner Haltung zur Traumarbeit geschult wurde, und das heute weit verbreitete Prinzip, das weit über seine Gruppen hinaus übernommen wurde: Die träumende Person ist die letzte Autorität, und Respekt steht vor jeder Deutung. Ullman war überzeugt, dass das Teilen von Träumen eine besondere Form von Ehrlichkeit zwischen Menschen schafft, weil Träume nichts vorspielen. Jahrzehnte gemeinsamer Praxis haben diese Sicht gestützt. Wenn dir eine Freundin oder ein Freund schon einmal einen Traum erzählt hat und du mit den Worten begonnen hast: "Vielleicht geht es um ...", dann hast du - bewusst oder unbewusst - eine etwas unbeholfenere Version dessen angewendet, was Ullman zur Meisterschaft entwickelt hat.

Der Ullman-Geist in deiner eigenen Praxis

Die Deutungsmethoden von Ruya beruhen auf derselben Haltung, auf der Ullman bestand: Sie fragen zuerst, bevor sie etwas vorschlagen, bieten Deutungen an, die du selbst prüfen kannst, statt Urteile, die du einfach übernehmen sollst, und lassen das letzte Wort dort, wo auch er es liess - bei der träumenden Person. Das Journal liefert genau das Rohmaterial, das seine Methode braucht: Träume, frisch festgehalten, zusammen mit dem jeweiligen Lebenskontext. Und es tut ganz unaufdringlich das, was ihm besonders wichtig war: Es erkennt, wenn dieselben unerledigten emotionalen Themen immer wieder auftauchen. Unser Leitfaden zu wiederkehrenden Träumen knüpft daran an, und die Übersicht der Deutungsmethoden zeigt dir die verschiedenen Blickwinkel, die eine gute Traumgruppe eingebracht hätte.


Ullmans fünf Wörter sind eine ganze Philosophie im Kleinen: Begegne jedem Traum, auch deinem eigenen, wie einem Gast und nicht, als würdest du über ihn verfügen. Bedeutung wird angeboten, nicht aufgezwungen; Nähe entsteht mit Sicherheit; und die Autorität liegt letztlich immer bei der Person, die den Traum hatte. Eine sanftere Revolution lässt sich kaum vorstellen.

Montague Ullman: Häufig gestellte Fragen

Wer war Montague Ullman?
Ein US-amerikanischer Psychiater und Psychoanalytiker (1916-2008), der das Dream Laboratory am Maimonides Medical Center in Brooklyn gründete und später die erfahrungsorientierte Traumgruppe entwickelte - eine Methode, bei der Menschen unter Gleichgestellten Träume miteinander teilen und erkunden, die sich weltweit verbreitete. Seine letzten drei Lebensjahrzehnte widmete er der Vermittlung der Idee, dass Träume allen Menschen gehören und nicht nur Fachpersonen.
Was ist eine Ullman-Traumgruppe?
Eine kleine Traumgruppe, für die keine Therapeutin oder kein Therapeut nötig ist und die jeweils einer freiwilligen Person hilft, mit einem Traum nach festen Schritten zu arbeiten: Der Traum wird erzählt, die Teilnehmenden reagieren darauf mit der Formulierung «wenn es mein Traum wäre», und anschliessend geht der Traum an die träumende Person zurück, damit sie die Bezüge zu ihrem Leben herstellen kann. Klare Sicherheitsregeln sorgen dafür, dass die träumende Person jederzeit die Kontrolle behält.
Was bedeutet «wenn es mein Traum wäre»?
Diese Formulierung ist der verbindliche Einstieg für jede Rückmeldung in Ullmans Methode: Die Teilnehmenden sagen «wenn es mein Traum wäre, würde ich fühlen ...» statt «dein Traum bedeutet ...». So werden Deutungen zu Angeboten, die die träumende Person frei annehmen oder ablehnen kann. Das schützt sie vor der vermeintlichen Gewissheit anderer und eröffnet ihr gleichzeitig den Reichtum unterschiedlicher Sichtweisen.
Waren die Experimente zur Traumtelepathie am Maimonides Medical Center echte Wissenschaft?
Für die damalige Zeit wurden sie sorgfältig durchgeführt und transparent dokumentiert. In der Parapsychologie werden sie bis heute zitiert. Die etablierte Wissenschaft akzeptiert Traumtelepathie jedoch nicht: Unabhängige Replikationen konnten die Effekte nicht bestätigen, weshalb die Frage höchstens als ungeklärt gilt. Ullmans nachhaltiger wissenschaftlicher Beitrag ist die Gruppenmethode, nicht die Ergebnisse zur Telepathie.
Wie kann ich ein Gespräch über Träume sicher gestalten?
Halte dich an Ullmans zwei Grundsätze: Die träumende Person bestimmt jederzeit den Ablauf und kann das Gespräch jederzeit beenden. Ausserdem beginnt jede Rückmeldung mit «wenn es mein Traum wäre». Dränge nie auf private Details, bestehe nie auf einer bestimmten Deutung und überlasse der träumenden Person das letzte Wort. Mit diesen Regeln können selbst zwei Menschen bei einem Kaffee sinnvoll mit Träumen arbeiten.
Kann ich seine Methode auch allein anwenden?
Ja. Schreibe den Traum auf, warte einen Tag und antworte dann schriftlich darauf, als hätte ihn jemand anderes geträumt. Sammle dabei sowohl eine Deutung der Gefühle als auch eine Deutung der Metaphern, bevor du den Bezug zu deinem eigenen Leben herstellst. Dieser bewusst geschaffene Abstand bildet vieles von dem nach, was eine Traumgruppe ermöglicht, und ein Traumtagebuch macht wiederkehrende Themen mit der Zeit sichtbar.
Ersetzt eine Traumgruppe eine Therapie?
Nein. Ullman hat das ausdrücklich betont: Das gemeinsame Erforschen von Träumen ist eine Praxis zur persönlichen Entwicklung im Alltag und keine Behandlung. Traumgruppen vermeiden es, belastende Traumata gezielt zu vertiefen, und Träume, die mit schwerem seelischem Leid verbunden sind, gehören in die Begleitung durch eine Fachperson. Die Stärke der Methode liegt woanders: Sie macht Alltagsträume und den Austausch darüber für alle Beteiligten wirklich wertvoll.

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Literaturverzeichnis

  1. 1. Appreciating Dreams: A Group Approach
    Autor: Ullman, M.Jahr: 1996Verlag/Zeitschrift: Sage Publications
  2. 2. Working with Dreams
    Autor: Ullman, M., & Zimmerman, N.Jahr: 1979Verlag/Zeitschrift: Delacorte Press
  3. 3. Dream Telepathy
    Autor: Ullman, M., Krippner, S., & Vaughan, A.Jahr: 1973Verlag/Zeitschrift: Macmillan
  4. 4. The Variety of Dream Experience
    Autor: Ullman, M., & Limmer, C. (eds.)Jahr: 1987Verlag/Zeitschrift: Continuum
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