
Traumdeutung nach Ibn Sirin: Methode, Symbole und das berühmte Buch
Wer von einer Schlange träumt, wacht wahrscheinlich mit einem unguten Gefühl auf. Wer von Regen, einem Garten oder dem Propheten träumt, fragt sich vielleicht, ob etwas Gutes bevorsteht. Seit mehr als dreizehn Jahrhunderten wenden sich Muslime mit solchen Fragen vor allem an einen Namen: Muhammad Ibn Sirin. Dieser Leitfaden zeigt, wer er tatsächlich war, wie seine Methode der islamischen Traumdeutung funktioniert, was die häufigsten Symbole in der nach ihm benannten Tradition bedeuten und was wirklich hinter dem berühmten Buch steckt, das unter seinem Namen verkauft wird.
Wer war Muhammad Ibn Sirin?
Muhammad Ibn Sirin wurde um 33 AH (etwa 654 n. Chr.) in Basra, im heutigen Irak, geboren. Er gehörte zur Generation nach den Gefährten des Propheten Muhammad (den Tabi'un). Sein Vater Sirin war ein Gefangener, der nach den frühen muslimischen Eroberungen freigelassen wurde und als Klient (Mawla) von Anas ibn Malik, dem bekannten Diener und Gefährten des Propheten, lebte. Das Aufwachsen in diesem Umfeld brachte den jungen Muhammad ins Zentrum der frühen islamischen Gelehrsamkeit. Er lernte bei Anas ibn Malik, Abu Hurairah und weiteren Gefährten und wurde zu einem angesehenen Hadith-Überlieferer, dessen Überlieferungen in den Sammlungen von al-Bukhari und Muslim enthalten sind.
Ibn Sirin verdiente seinen Lebensunterhalt als Tuchhändler, und sein Ruf für Ehrlichkeit wurde legendär. Es wird berichtet, dass er eher eine Gefängnisstrafe wegen einer Schuld in Kauf nahm, als aus einem Geschäft Gewinn zu ziehen, an dessen Rechtmässigkeit er zweifelte. Auch seine Schwester Hafsa bint Sirin war eine angesehene Gelehrte des Qur'an und der Hadithe. Als er 110 AH (729 n. Chr.) in Basra starb, wurde er als einer der vertrauenswürdigsten Gelehrten seiner Generation betrauert und für seine Frömmigkeit, seine Genauigkeit und seinen berühmten scharfen Witz in Erinnerung behalten.
Der berühmteste Traumdeuter im Islam
Unter seinen Zeitgenossen hob sich Ibn Sirin besonders durch seine Gabe der Ta'bir al-Ru'ya (Traumdeutung) hervor. Die überlieferten Berichte zeigen jedoch einen sorgfältigen, beinahe zurückhaltenden Traumdeuter. Bevor er eine Deutung abgab, fragte er die Träumenden nach ihren Lebensumständen, gab verschiedenen Menschen mit demselben Traum unterschiedliche Antworten und verzichtete oft ganz auf eine Deutung, wenn er sich nicht sicher war. Für ihn war die Deutung eines Traums eher mit dem Erlass einer religiösen Rechtsauskunft vergleichbar als mit Wahrsagerei und verlangte dieselbe Vorsicht.
Wie deutete Ibn Sirin Träume? Seine Methode
Die unter seinem Namen überlieferte Methode beruht auf einigen beständigen Grundsätzen und nicht auf einem festen Nachschlagewerk mit Bedeutungen:
- Symbole mit Wurzeln im Qur'an und in der Sunnah: Die Bedeutung eines Symbols wird zuerst in den heiligen Schriften gesucht. Wasser kann für Wissen oder Leben stehen, Regen für Barmherzigkeit, ein Garten für gute Taten und das Paradies. Dasselbe Bild wird also zuerst im Licht der Offenbarung verstanden.
- Der Kontext der träumenden Person: Derselbe Traum bedeutet für einen Herrscher nicht dasselbe wie für einen Kaufmann oder für ein besorgtes Elternteil und eine studierende Person. Vor einer Deutung fragt der Traumdeuter nach Beruf, Gesundheit, Sorgen und Glauben, denn die Bedeutung verändert sich je nach Lebenssituation.
- Vorsicht und Ehrlichkeit: Ein Traum wird nur gedeutet, wenn die Anzeichen eindeutig sind. Ist das nicht der Fall, ist Schweigen die ehrliche Antwort. Klassische Traumdeuter betrachteten eine leichtfertige Deutung als echten Schaden und nicht als harmlose Vermutung.
Die drei Arten von Träumen im Islam
Die islamische Traumdeutung beginnt mit einem bekannten Hadith, der in Sahih Muslim überliefert wird. Darin erklärt der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm), dass es drei Arten von Träumen gibt:
- Ru’ya (wahre Träume): gute und wahrhaftige Träume, die von Allah kommen. Sie sind in der Regel klar, ruhig und gut erinnerlich. Im Hadith werden sie als frohe Botschaft beschrieben.
- Hulm (schlechte Träume): beunruhigende Träume von Shaytan, die den Träumenden erschrecken oder traurig machen sollen. Sie haben keine Aussagekraft über die Zukunft und werden nicht gedeutet.
- Hadith an-nafs (das Selbstgespräch): gewöhnliche Träume, die aus den Gedanken, Erinnerungen und Sorgen des Alltags entstehen. Die meisten Träume gehören in diese Kategorie, und die Überlieferung betrachtet sie eher als Nachhall des Tages denn als Botschaften.
Ein weiterer bekannter Hadith beschreibt den wahrhaftigen Traum eines rechtschaffenen Menschen als einen der sechsundvierzig Teile des Prophetentums. Klassische Gelehrte zogen daraus eine praktische Lehre: Gute Träume sollen als Ermutigung verstanden werden, beängstigende Träume verworfen werden, und nicht jeder Traum sollte als Botschaft betrachtet werden, die entschlüsselt werden muss.
Der gute Traum stammt von Allah, und der schlechte Traum stammt von Satan. Wer also etwas sieht, das ihm missfällt, soll bei Allah Zuflucht vor dessen Übel suchen, dann wird es ihm nicht schaden.
Prophet Muhammad (peace be upon him), Sahih al-Bukhari
Tafsir al-Ahlam: Hat Ibn Sirin das berühmte Buch wirklich geschrieben?
In fast jeder islamischen Buchhandlung finden sich Traumlexika mit dem Namen Ibn Sirin auf dem Umschlag: Tafsir al-Ahlam, Muntakhab al-Kalam fi Tafsir al-Ahlam, das Grosse Buch der Traumdeutung und unzählige Übersetzungen dieser Werke. Diese Bücher haben das Verständnis von Träumen bei Millionen von Muslimen geprägt und gehören bis heute zu den meistzitierten Werken auf diesem Gebiet.
Historiker der islamischen Literatur sind sich jedoch einig, dass Ibn Sirin diese Werke nicht verfasst hat. Al-Dhahabi wies darauf hin, dass die verbreiteten Texte Personen und Ereignisse erwähnen, die erst nach Ibn Sirins Tod auftraten. Ibn al-Qayyim erklärte zudem ausdrücklich, dass kein authentisches Buch zur Traumdeutung von ihm erhalten geblieben ist. Die bekanntesten Sammlungen, die seinen Namen tragen, wurden erst Jahrhunderte später aus einer langen Überlieferungskette von Traumdeutern zusammengestellt, die in seiner Tradition standen. Das schmälert seine Bedeutung keineswegs: Seine überlieferten Traumdeutungen, die von seinen Schülern weitergegeben wurden, bildeten die Grundlage für diese späteren Werke. Treffender ist deshalb die Formulierung «die Ibn Sirin zugeschriebene Tradition» statt «Ibn Sirins Buch».
Häufige Traumsymbole in der Ibn-Sirin-Tradition
Der klassische Überlieferungskorpus, der Ibn Sirin zugeschrieben wird, deutet die am häufigsten erfragten Symbole ungefähr wie folgt. Denken Sie an die wichtigste Regel dieser Methode: Der Zusammenhang verändert alles. Betrachten Sie diese Deutungen daher als Ausgangspunkte und nicht als endgültige Urteile.
- Schlangen: ein verborgener Feind oder Feindseligkeit. Grösse und Verhalten der Schlange geben Hinweise auf das Ausmass der Bedrohung. Ihr zu entkommen oder sie zu töten deutet darauf hin, den Feind zu überwinden.
- Gold und Silber: überraschenderweise wird Gold bei Männern oft als Warnung verstanden und kann auf eine Busse, einen Verlust oder eine Belastung hindeuten, während Silber meist für ehrlichen Wohlstand und Versorgung steht.
- Eine verstorbene Person: wird oft als Hinweis auf ihren Zustand oder auf Ihre Verbindung zu ihr gedeutet. Etwas von einer verstorbenen Person zu erhalten, deutet auf Gutes oder Versorgung hin. Ihr etwas zu geben, kann auf einen Verlust hinweisen.
- Heirat: eine neue Verantwortung, Verpflichtung oder Veränderung des sozialen Status. Die Deutung richtet sich danach, wer der Ehepartner ist und in welcher Situation sich die träumende Person befindet.
- Schwangerschaft: Zunahme. Für die träumende Person weist sie meist auf Wachstum in Bezug auf Vermögen, Arbeit oder weltliche Angelegenheiten hin.
- Regen: sanfter, allgemeiner Regen steht für Barmherzigkeit, Erleichterung und Segen. Regen, der nur an einem Ort fällt oder Zerstörung anrichtet, wird als Prüfung oder Härte gedeutet.
- Löwen: ein mächtiger Gegner oder eine Autoritätsperson. Entscheidend ist weniger der Löwe selbst als die Art, wie Sie ihm begegnen.
- Hunde: meist ein schwacher oder niederträchtiger Feind. Ein bellender Hund steht für eine Beleidigung durch jemanden, der keine Antwort wert ist, während ein treuer Wachhund für einen beschützenden Freund stehen kann.
- Datteln: süsse, erlaubte Versorgung (rizq). Gute Datteln zu essen deutet auf halal erworbenes Einkommen und die Süsse des Glaubens hin.
- Den Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) sehen: Nach der Überlieferung, gestützt auf Hadithe, kann Shaytan nicht die Gestalt des Propheten annehmen. Ein solcher Traum gilt daher als wahrhaftige Vision und als grosse frohe Botschaft.


Islamische Traumdeutung
Fragst du dich, was dein Traum in der islamischen Tradition bedeutet? Teile deinen Traum und erhalte eine einfühlsame Deutung auf Grundlage islamischer Quellen.
Was man nach einem guten oder schlechten Traum tun sollte
Die Sunnah gibt für beide Arten von Träumen einfache und praktische Verhaltensregeln vor, und die Ibn-Sirin-Tradition wiederholt sie immer wieder:
- Nach einem guten Traum: Lobe und danke Allah, nimm ihn als stille Ermutigung an und erzähle ihn nur Menschen, die du liebst und denen du vertraust.
- Nach einem schlechten Traum: Suche Zuflucht bei Allah vor seinem Übel, spucke dreimal leicht und trocken nach links, drehe dich auf die andere Seite und erzähle niemandem davon. Der Hadith sagt ausdrücklich, dass ein Traum, mit dem so umgegangen wird, dir nicht schaden wird, und ein schlechter Traum wird niemals gedeutet.
Das Vermächtnis von Ibn Sirin heute
Auch dreizehn Jahrhunderte später ist Ibn Sirin noch immer der erste Name, an den Menschen denken, wenn sie ein Traum beunruhigt oder erfreut - von Basra über Istanbul bis nach Daressalam. Die Bücher, die seinen Namen tragen, gehören weiterhin zu den Bestsellern, und seine Methode, Symbole anhand der Heiligen Schrift zu deuten und sie im Zusammenhang mit dem Leben der träumenden Person zu betrachten, prägt die islamische Traumdeutung bis heute.
Gerade deshalb sind sorgfältige Fragen noch immer wichtiger als das Nachschlagen in einem Traumlexikon. Diesem Ansatz folgt auch Ruya bei der islamischen Traumdeutung: Du hältst deinen Traum in deinem Journal fest, beantwortest einige Fragen zu deinem Leben und deinen Umständen - genau so, wie Ibn Sirin gefragt hätte - und erhältst eine Deutung, die in der klassischen Tradition verwurzelt ist. Eine alte Methode, modern begleitet.


