Rosalind Cartwright: Wie Träume das emotionale Gehirn heilen
Von Ruya EditorialMittwoch, 9. September 2026Lesezeit: 9 Min.

Rosalind Cartwright: Wie Träume das emotionale Gehirn heilen

Die meisten Traumforscherinnen und Traumforscher arbeiteten vom Sprechzimmer aus. Rosalind Cartwright hingegen forschte im Schlaflabor und stellte eine Frage, die bis dahin kaum sorgfältig untersucht worden war: Bringt uns das Träumen tatsächlich etwas? Über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg sammelte sie Forschungsergebnisse, viele davon mit Menschen im schwierigsten Jahr ihres Lebens, und zeigte, dass die Antwort ja lautet. In ihrer Sicht übernimmt das Träumen die Nachtschicht unseres Gefühlslebens: Es nimmt die Belastungen des Tages auf, verbindet sie mit allem, was wir bereits überstanden haben, und gibt uns am Morgen einen Geist zurück, der bereit ist, dem neuen Tag zu begegnen. Man nannte sie die Königin der Träume, und ihre Arbeit ist der Grund, weshalb Begriffe wie nächtliche Therapie heute überhaupt Teil der modernen Schlafforschung sind.

Wer war Rosalind Cartwright?

Rosalind Dymond Cartwright (1922-2021) verbrachte den grössten Teil ihrer Laufbahn am Rush University Medical Center in Chicago. Dort leitete sie die Psychologieabteilung und gründete eines der ersten Zentren für Schlafstörungen in den USA. Sie gehörte zur ersten Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die Schlaf direkt beobachten konnten - mit EEG-Aufzeichnungen, REM-Phasen und gezielten Weckungen. Anders als viele Forschende im Labor hörte sie nie auf zu fragen, wozu Träume eigentlich da sind. Ihr Ansatz war, Menschen in Krisensituationen zu untersuchen, denn wenn Träumen eine Aufgabe hat, sollte sie dort am deutlichsten sichtbar werden, wo die emotionale Belastung am grössten ist. Die Krise, die sie wählte, war die Scheidung.

Träume sind nicht einfach eine Wiederholung der Ereignisse des Tages, sondern eine Fortsetzung dessen, was uns im Wachzustand beschäftigt.

Rosalind Cartwright

Die Scheidungsstudien: Wie Träume ihre Arbeit verrichten

In den 1980er- und 1990er-Jahren holte Cartwright frisch getrennte oder sich scheidende Freiwillige, viele davon mit einer klinischen Depression, ins Schlaflabor. Sie zeichnete ihren Schlaf und ihre Träume auf und begleitete ihre Entwicklung über Monate und Jahre. Das Studiendesign klingt einfach, doch die Ergebnisse veränderten den wissenschaftlichen Blick auf das Träumen grundlegend:

Was Cartwrights Schlaflabor herausfand
Was sie untersuchteWas sie herausfand
Träume von Erwachsenen während einer ScheidungWer vom ehemaligen Ehepartner oder der ehemaligen Ehepartnerin träumte und dabei starke Gefühle erlebte, hatte bei den Nachuntersuchungen häufiger eine Depression überwunden als Personen, die die Ex-Partnerin oder den Ex-Partner aus ihren Träumen heraushielten
Stimmung über Nacht bei gut SchlafendenDie Stimmung ist morgens meist besser als vor dem Einschlafen: Die Nacht und das Träumen helfen, negative Gefühle abzuschwächen
Stimmung über Nacht bei DepressionDie Erholung bleibt aus: Die REM-Schlafphase setzt zu früh ein, Träume bleiben emotional flach oder düster, und der Morgen fühlt sich nicht besser an als die Nacht
Der Verlauf der Träume im Lauf einer NachtBei Menschen, die gut mit Belastungen umgehen, beginnen Träume oft negativ und entwickeln sich bis zum Morgen schrittweise zu einer Lösung - wie eine Geschichte, die Stück für Stück verarbeitet wird
Schlafwandeln und GerichtsverfahrenDank ihrer Erfahrung im Schlaflabor war sie eine gefragte forensische Sachverständige in Fällen von Gewalttaten während des Schlafwandelns. Darüber berichtet sie in The Twenty-four Hour Mind

Dieses Ergebnis zu den Ex-Partnerinnen und Ex-Partnern lohnt einen genaueren Blick, weil es einer verbreiteten Intuition widerspricht. Von der Person zu träumen, die einem das Herz gebrochen hat, fühlt sich oft wie ein Rückschritt an, als würde die Wunde jede Nacht neu aufreissen. Cartwrights Daten zeigen jedoch das Gegenteil: Gerade diese schmerzhaften, gefühlsintensiven Träume sind Teil der Verarbeitung. Das emotionale Gehirn holt den Verlust wieder hervor, verbindet ihn mit der eigenen Lebensgeschichte und arbeitet ihn ein. Die Menschen, die so träumten, erholten sich häufiger. Wer nie vom Ex träumte, hatte den Verlust nicht unbedingt überwunden - vielmehr wurde ihm selbst im Schlaf ausgewichen.

Die Theorie: Träumen als nächtliche Regulierung der Stimmung

In ihrem späteren Werk, das sie in The Twenty-four Hour Mind darlegt, beschreibt Cartwright das Denken im Wachzustand und im Schlaf als ein einziges zusammenhängendes System. Tagsüber sammeln sich emotionale Belastungen an. Nachts, besonders während des REM-Schlafs, kehrt der Geist zu den Erlebnissen mit der stärksten negativen emotionalen Ladung zurück und verarbeitet sie weiter. Neue Verletzungen werden mit älteren Erinnerungen verknüpft, ihre Intensität nimmt ab, und das Selbstbild wird an die Erfahrung angepasst. Funktioniert dieses System, wacht man tatsächlich mit einer besseren Stimmung auf, und über Wochen werden eine Scheidung, ein Trauerfall oder eine Demütigung Schritt für Schritt verarbeitet. Funktioniert es nicht, wie bei einer Depression, läuft der Mechanismus zwar weiter, doch die eigentliche Erholung bleibt aus. Ihre Forschung zu diesem Prozess trug wesentlich dazu bei zu erklären, weshalb sich der Schlaf bei Depressionen so deutlich in Schlafaufzeichnungen zeigt. Wenn Sie dabei an das denken, was unser Leitfaden zu Angstträumen beschreibt, liegen Sie richtig: Ein grosser Teil der dort vorgestellten Erkenntnisse baut auf den Grundlagen auf, die sie geschaffen hat.

Rosalind Cartwright, die Königin der Träume
Cartwright beobachtete im Schlaflabor, wie Träume ihre Arbeit verrichten: die Nachtschicht unseres Gefühlslebens, wissenschaftlich dokumentiert.

So nutzen Sie ihre Erkenntnisse für Ihre eigenen Nächte

  1. Halten Sie Stimmung und Träume gemeinsam fest. Notieren Sie, wie Sie sich vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen fühlen. Der Unterschied über Nacht ist Cartwrights wichtiges Signal: In den meisten Nächten sollten Sie sich am Morgen etwas erholter fühlen.
  2. Lassen Sie schmerzhafte Trauminhalte zu. Von der Person oder dem Verlust zu träumen, der schmerzt, ist Teil der Verarbeitung und kein Rückschritt. Halten Sie den Traum fest, statt ihn zu verdrängen.
  3. Achten Sie auf die Entwicklung, nicht auf einen einzelnen Traum. Ein düsterer Traum allein sagt wenig aus. Entscheidend ist, ob sich das Thema über Wochen abschwächt, auflöst oder neue Enden findet.
  4. Schützen Sie den natürlichen Prozess. Die nächtliche Verarbeitung braucht ausreichend regelmässigen Schlaf mit intakten REM-Phasen. Kurze Nächte und später Alkoholkonsum verkürzen diesen wichtigen Prozess.
  5. Erkennen Sie Warnsignale. Wenn über Wochen anhaltend belastende oder ausnahmslos negative Träume auftreten, die Morgenstimmung nicht besser ist als am Abend und die Stimmung tagsüber ebenfalls gedrückt bleibt, kann das darauf hindeuten, dass die nächtliche Verarbeitung nicht gut funktioniert. Das ist ein guter Anlass, mit einer Fachperson über eine Depression zu sprechen - nicht Ausdruck eines persönlichen Versagens.
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Lassen Sie Ihr Journal die Nächte festhalten

Cartwrights Erkenntnisse werden erst im Alltag nutzbar, wenn Sie Ihre Nächte dokumentieren. Genau dafür ist das Journal von Ruya gedacht: Träume werden direkt nach dem Aufwachen per Sprache oder Text festgehalten, zusammen mit Stimmung und wichtigen Lebensereignissen. So werden Entwicklungen über Wochen sichtbar - wiederkehrende Themen, allmähliche Veränderungen oder ein wiederkehrender Traum, dessen Ende sich endlich verändert, statt in Vergessenheit zu geraten. Die Interpretationsmethoden helfen Ihnen anschliessend dabei, mit dem zu arbeiten, was die Nacht hervorgebracht hat - ganz im Sinne von Cartwrights Forschung: Träume als laufende emotionale Verarbeitung.


Cartwright schenkte Menschen, die träumen, etwas Seltenes: belastbare Belege statt blosser Deutungen. Sie zeigte, dass düstere Träume nach einem Verlust Teil der Verarbeitung sind und keine Heimsuchung, dass sich die Stimmung am Morgen tatsächlich oft verbessert und dass der REM-Schlaf eine wichtige Aufgabe erfüllt. Den Beinamen "Königin der Träume" verdiente sie sich auf die geduldige Art - eine aufgezeichnete Nacht nach der anderen.

Rosalind Cartwright: Häufig gestellte Fragen

Wer war Rosalind Cartwright?
Sie war eine amerikanische Schlafforscherin (1922-2021), leitete die Psychologie am Rush University Medical Center in Chicago, gründete eines der ersten Zentren für Schlafstörungen und erforschte während fünf Jahrzehnten die Rolle des Träumens für das emotionale Leben. Ihre Langzeitstudien mit Menschen während einer Scheidung gelten als Meilensteine der Traumforschung, und die Medien nannten sie die Königin der Träume.
Was besagt Cartwrights Theorie zur Stimmungsregulation durch Träume?
Nach ihrer Theorie besteht eine zentrale Aufgabe des Schlafs, insbesondere des Träumens, darin, belastende Gefühle über Nacht abzuschwächen. Das träumende Gehirn greift die emotional wichtigsten Erlebnisse des Tages erneut auf, verbindet sie mit älteren Erinnerungen und verringert ihre Intensität. Deshalb ist die Stimmung am Morgen oft besser als am Abend. Bei einer Depression funktioniert diese nächtliche Verarbeitung häufig nicht ausreichend.
Was zeigten ihre Scheidungsstudien?
Sie begleitete Erwachsene, die eine Scheidung durchlebten, vom Schlaflabor über mehrere Jahre hinweg. Dabei zeigte sich: Wer von der ehemaligen Partnerin oder dem ehemaligen Partner träumte, insbesondere mit echten Gefühlen im Traum, erholte sich häufiger von einer Depression und passte sich besser an die neue Lebenssituation an als Personen, die nie davon träumten. Die schmerzhaften Träume waren ein Hinweis auf Heilung, nicht auf Schaden.
Ist es schlecht, immer wieder von jemandem zu träumen, der mich verletzt hat?
Cartwrights Forschung spricht meist für das Gegenteil: Von einer schmerzhaften Person oder einem Verlust zu träumen, gehört zur emotionalen Verarbeitung, und Menschen mit solchen Träumen erholen sich häufig besser. Aufmerksamkeit verdient vielmehr ein anderes Muster: über Wochen anhaltend freudlose, düstere Träume und Morgen, die sich nicht besser anfühlen als die Nächte. Das kann auf eine Depression hinweisen und sollte professionell abgeklärt werden.
Worum geht es in The Twenty-four Hour Mind?
In ihrem 2010 erschienenen Buch fasst Cartwright ihr Lebenswerk zusammen. Sie beschreibt Wachsein und Schlaf als ein zusammenhängendes 24-Stunden-System, erklärt Träume als nächtliche emotionale Verarbeitung, zeigt, was Schlaf bei Depressionen über ein gestörtes System verrät, und schildert bemerkenswerte forensische Fälle von Gewalt während des Schlafwandelns. Das Buch gilt als die beste Einführung in ihre Forschung.
Worin unterscheidet sich ihre Theorie von derjenigen Freuds?
Sigmund Freud betrachtete Träume als verschlüsselte Wünsche, die gedeutet werden müssen. Cartwright verstand sie als sichtbare emotionale Verarbeitung, die sich wissenschaftlich messen lässt. In ihrer Sicht verbergen Träume nichts: Sie setzen die realen Themen des Tages fort und helfen dabei, die Stimmung zu regulieren und das Selbstbild weiterzuentwickeln - unabhängig davon, ob sie interpretiert werden. An die Stelle der Couch trat bei ihr das Polysomnograph.
Wie kann ich ihre Erkenntnisse selbst anwenden?
Führen Sie ein Journal, in dem Sie Träume und Stimmung gemeinsam festhalten. Lassen Sie schmerzhafte Träume nach Verlusten zu, statt sie zu unterdrücken, beobachten Sie, ob sich Themen über Wochen abschwächen, und achten Sie auf regelmässigen, ausreichenden Schlaf, damit der REM-Schlaf seine Aufgabe erfüllen kann. Wenn Träume und Morgenstimmung über Wochen gleichermassen düster bleiben, verstehen Sie dies als gesundheitliches Signal, das Sie mit einer Fachperson besprechen sollten.

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Literaturverzeichnis

  1. 1. The Twenty-four Hour Mind: The Role of Sleep and Dreaming in Our Emotional Lives
    Autor: Cartwright, R. D.Jahr: 2010Verlag/Zeitschrift: Oxford University Press
  2. 2. Crisis Dreaming: Using Your Dreams to Solve Your Problems
    Autor: Cartwright, R. D., & Lamberg, L.Jahr: 1992Verlag/Zeitschrift: HarperCollins
  3. 3. Night Life: Explorations in Dreaming
    Autor: Cartwright, R. D.Jahr: 1977Verlag/Zeitschrift: Prentice-Hall
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